Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Yin und Yang

Von Zhang Sanfeng ist eine Legende überliefert, die den Ursprung des Taijiquan markieren soll. Er beobachtete einen Falken und eine Schlange beim Kampf. Der Falke stieß pfeilgerade auf die Schlange herunter, diese wich ihm mit spiraligen Bewegungen aus. Der Falke setzte sich wieder auf seinen Baum, um kurze Zeit später erneut anzugreifen. Dieser Kampf dauerte eine ganze Weile, bis der Falke erschöpft aufgab. Keines der beiden Tiere hatte das andere erlegt. In der daoistischen Überlieferung ist die Schlange eine Symbol für das Yin, die weiche Seite des Taiji und der Falke ist das Symbol für die harte Seite, das Yang. Die Schlange gleicht in ihren kreis- und spiralförmigen Bewegungen dem Wasser. Der Daoist ahmt diese Bewegungen im Taijiquan nach. Die Schlange ist Meisterin der Verwandlung und der Anpassung. Dennoch vermag sie den Falken, den Jäger der Lüfte nicht zu treffen. So ergänzen sich beide in ihren Eigenschaften (THELER S. 36f).

Yin und Yang sind beide Teile des Taij, des „Firstbalkens“, des „Absoluten“ des „Großen Ganzen“. Sie sind Wandlungsphasen die sich ergänzen und immer wieder aufeinander folgen. Dabei entsteht aus Yang Yin und aus Yin Yang, immer wenn ein Teil die maximale Ausprägung erreicht hat. Dieses Prinzip ist universal. Es kann auf der höchsten Ebene des Makrokosmos und auf der niedrigsten Eben des Mikrokosmos gefunden werden. Dies wird im Symbol des Taij ausgedrückt. Der Kreis steht für das Vollkommene, das Ganze, dieser wird unterteilt durch eine Welle, dreidimensional gesehen durch eine Spirale. Dort wo am meisten Yang (weiß) ist, ist eine schwarzer Punkt (Yin) zu finden, entsprechendes gilt für die andere Seite. Damit ist die grundlegende Formel des Universums erklärt: Einheit im Taiji, ständige Wandlung in Spiralform und die Erzeugung des Gegenstücks auf dem Höhepunkt der Ausprägung einer Wandlungsphase (CAVELIUS, CAVELIUS, LI S. 21f und ALLGAIER S. 72).

Diese Strukturen und Prozesse sind im I Ging zu finden, einem 5000 Jahre alten chinesischen Weisheitsbuch. Es gilt als die Grundlage für den weitaus größten Teil der chinesischen Philosophie. Die Gedanken dieses Buches sind sehr weitreichend, deshalb werde ich mich in meinen Ausführungen auf die grundlegendsten Aspekte beschränken. Die chinesische Kosmologie setzt an den Anfang alles Seins den Zustand des Wuji, in dem das gesamte Potential der Welt angelegt ist. Aus dem Wuji, der Null, entsteht die Eins, das Taiji. Hier besteht Einheit, harmonische Ergänzung. Die Einheit erzeugt die Zwei, Yin und Yang. Die christliche Entsprechung dieser Symbolik wäre Adam (Yang) und Eva (Yin) im Paradies (Taiji).Das ständige Wechselspiel von Yin und Yang erzeugt die Welt in ihren unterschiedlichsten Manifestationen. Yang trägt in sich die Aspekt des Männlichen, Schöpferischen, des Himmels, der Stärke usw. (hell, hart Licht, Hitze, positiv, Tag). Das Yin ist mit den entsprechenden Gegenstücken attributiert. Also das Weibliche, das Empfangende, die Erde, das Schwache usw. (dunkel, weich, Schatten, Kälte, negativ, Nacht). Im I Ging wird das Yang als ein durchgezogener, starker Strich dargestellt und das Yin als gebrochener schwacher. Dieses werden übereinander in Dreiergruppen angeordnet, so entstehen die acht Trigramme. In derselben Weise werden je zwei Trigramme übereinander gesetzt und so entstehen die 64 Hexagramme. Diese bezeichnen jedes für sich bestimmte Zustände im Laufe der Wandlungen. So erklärt das I Ging den Lauf der Welt (OSTEN S. 24ff).

Taijiquan ist das Kampfkunstsystem, das auf den Prinzipien des Taiji beruht. So finden wir in den Bewegungen des Taijiquan Abbildungen der Prinzipien des Taiji, die ständige Wandlung von Yang zu Yin und umgekehrt sowie die Spiralstruktur. Die Prinzipien von Yin und Yang werden im ständigen Öffnen und Schließen ausgedrückt. Öffnen bedeutet, den Körper weit zu machen, sich auszudehnen, den Seidenfaden abzurollen. Schließen ist eine Bewegung nach innen zum Zentrum hin, den Seidenfaden aufrollen. Dies kann auch durch das Bild von Flut und Ebbe verdeutlicht werden. Wenn jemand sehr lange Taijiquan übt, kann man sehen, wie bei jeder seiner Bewegungen etwas durch den Körper fließt, aus dem Zentrum hinaus und wieder zurück. Ein anderer Aspekt ist der der Fülle und Leere. So wechselt beispielsweise die Gewichtung immer von einem Fuß auf den anderen, ebenso ist immer eine Seite (oben, unten, rechts, links) aktiv und die andere passiv (THELER S. 78ff).