Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Die Bedeutung der Partnerübungen

Ein weiterer sehr zentraler Aspekt von Taijiquan ist in den Partnerübungen zu finden. Das Vorhandensein derselben erklärt sich aus der Konzeption von Taijiquan als Kampfkunst. Gleichwohl sind die meisten der üblicherweise durchgeführten Übungen nicht auf die Anwendung der in den Soloformen enthaltenen Kampftechniken im Sinne des Erwerbs kämpferischer Fähigkeiten zentriert. Sie zielen vielmehr darauf ab, dem Lernenden ein Gefühl für dynamische Stabilität zu vermitteln. So werden die Partnerübungen zu einem Miteinander, bei dem man sich gegenseitig auf die eigenen Schwächen hinweist. Die grundlegenden Übungen heißen Tuishou (schiebende Hände), Dalü (großes Ziehen) und Sanshou (Freikampf) (MÖGLING und MÖGLING S. 27).

Das Tuishou ist die erste Stufe der Partnerübungen. Es beinhaltet ein- und beidhändige festgelegte Bewegungsabfolgen, in denen die 13 Grundtechniken relativ einfach geübt werden können. Die bekannteste Form ist das einhändige Kreisen, bei dem sich die Partner gegenüberstehen und Kontakt mit der jeweils rechten oder linken Hand haben. Die Schrittstellung entspricht der Bogenstellung in der Form, ein Fuß vorgelagert in Richtung des Gegners zeigend, der Hintere zeigt 45 Grad nach außen. Angriff und Abwehr, Stoß, Neutralisieren, Ableiten und Gegenangriff gehen fließend ineinander über. Die Übungen des Tuishou dienen dem Üben der Techniken Peng Lü, Ji und An (siehe Kapitel 3.4.). (MÖGLING und MÖGLING S.44)

Das Dalü ist wesentlich komplizierter. Die Partner bewegen sich in kreisenden Bewegungen durch den Raum, indem sie sich immer auf die Ecken eines gedachten Quadrats zu bewegen. Im Unterschied zum Tuishou wird also die Fußarbeit vermehrt eingesetzt, was die Komplexität erheblich erhöht. So kommt beispielsweise die Stellung zum Partner und das Einhalten der richtigen Distanz als neue Schwierigkeit hinzu. Im Dalü werden vor allem die Grundtechniken Cai, Lie, Zhou und Kao geübt. (siehe Kapitel 3.4.) (MÖGLING und MÖGLING S. 62).

Im Sinn der polaren Beziehung und Wechselwirkung von Yin und Yang entsteht zwischen den Partnern ein Spiel. Das Ziel ist der Ausdruck der acht elementaren Qi-Qualitäten wie sie im I Ging beschrieben sind (siehe Anhang 2). Hierbei folgen Aktion und Reaktion so unmittelbar aufeinander, dass sie fast nicht mehr zu trennen sind. Die beiden Partner werden zum Taiji und wechseln dabei ständig von Yin nach Yang und zurück, je nach Situation. Dabei ist jedes Extrem zu vermeiden. Bin ich zu sehr Yang und dränge dabei zu stark nach vorne, kann mein Gegenüber mich mit einem leichten Ziehen ohne Probleme aus dem Gleichgewicht bringen. Bin ich zu schlaff oder lasse ich mich zu weit nach hinten drücken, so ist mein Partner in der Lage, mich wegzuschieben. Dies erfordert ein großes Maß an Konzentration. Denn zuviel Anspannung bedeutet eine Schwäche, da der Gegner einen Punkt findet, an dem er eine Technik ansetzen kann. Die Partnerübungen helfen also beim Finden eines eutonischen Gleichgewichts in Bezug auf die muskulären Spannungsverhältnisse im Körper. Ist dieser Zustand unter Beachtung der anderen Grundprinzipien (siehe Anhang 1) hergestellt, kann sich die innere Spannkraft entwickeln (MÖGLING und MÖGLING S. 27).

Ein weiteres Ziel der Übungen ist das Entwickeln von Sensibilität. Es geht um die Wahrnehmung der Intention des Gegners, um entsprechend früh reagieren zu können, so dass man nicht in eine ausweglose Situation gerät, in der man weggestoßen oder weggezogen werden kann. Wenn diese Intention wahrgenommen wird, ist man in der Lage, dass Qi seines Gegners aufzunehmen und damit zu arbeiten. Im konkreten Fall bedeutet das ein Neutralisieren, Ablenken, Zurückleiten, Zerstreuen oder Ähnliches. Der Kreativität sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Nur sollte man immer darauf achten, die Bewegungs- und Haltungsprinzipien nicht zu verletzen. Ansonsten passiert einem selber das eben Erwähnte. Man macht sich also sensibel für das Qi des Gegenübers. Diese Sensibilität weitet sich nach einiger Zeit der Übung aus. Ist man am Anfang in der Lage, die Gedanken des Anderen wahrzunehmen, so gelingt einem das mit der Zeit auch ohne Kontakt. Man öffnet sich allgemein für das Qi der Umwelt. Dies kann natürlich nur gelingen, wenn man dabei leer wird, denn wer nicht leer ist, kann auch nicht von seiner Umwelt erfüllt werden (KLEIN 2000) Hier besteht eine Parallele zu dem Kapitel 4.2.1. „Leersein von aller Kreatur sein heißt Gottes voll sein“ (LANGE S. 50).

Heutzutage werden diese Partnerübungen immer öfter zu Wettkampfformen. Dies ist traurig, da der ursprünglich Aspekt des Öffnens für den Anderen zu kurz kommt, wenn es nur noch ums Gewinnen geht. Auch die Idee von der Weichheit, die die Härte besiegt, kommt zu kurz, die jahrelange Übung in den meditativen Exerzitien verliert ihren Effekt. Das ist auch insofern kontraproduktiv, als die eigentliche Intention des Übenden in den Kampfkünsten sein sollte als der bessere Gentleman anerkannt zu werden. Werden die Übungen richtig ausgeführt, das heißt auch mit der richtigen geistigen Haltung, so ist es, als ob sich kleine Kinder balgen. Der Wille zu siegen tritt in den Hintergrund, obwohl die Absicht dazu aufrechterhalten wird. Nun entsteht Raum für wahre Selbstbeobachtung, und auch für die Beobachtung des Anderen. Man lässt ihn kommen, lässt ihn siegen wollen und steht am Schluss doch als Sieger da. Das Loslassen ist der entscheidende Punkt. Denn wenn wir blockiert sind, kann der Gegner alles mit uns machen, sind wir gelöst und weilen im Nicht-Handeln, so verschwinden unsere Verhaltensbremsen, sowohl auf der körperlichen als auch auf der psychischen Ebene und wir kommen dem ursprünglichen Sinn des Taijquan wieder ein Stückchen näher. Doch ist die Phase des Kampfes (und Krampfes) auch sinnvoll, zeigt sie uns doch unsere Grenzen, also unsere Ignoranz und unseren Hochmut. Denn jeder wird irgendwann auf den Gegner stoßen, der die Prinzipien verwirklicht hat und uns zeigt, dass uns unsere von der Angst vor dem Verlieren und Versagen und dem Verlangen nach Sieg und Anerkennung geprägte Haltung uns nicht mehr weiterbringt. Dann beginnt der wahre Weg des Taijiquan (HUMBARACI 2000).