Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Die Geschichte des Taijiquan

Das Taijiquan ist ein altes Kampfkunstsystem Chinas. Der Name setzt sich zusammen aus dem Begriff des Taiji, was soviel wie „Firstbalken“ bedeutet, und Quan, was übersetzt „Faust“ oder „Kampfkunst“ heißt. Der Firstbalken steht für ein philosophisches Prinzip, das die ursprüngliche harmonische Einheit der Polaritäten Yin und Yang darstellt (s.a. Kap. 3.2). Taijiquan ist somit die Kampfkunst, die zum einen auf den Prinzipien der Harmonie zwischen Yin und Yang beruht, andererseits stellt Taijiquan die Möglichkeit dar, diese Prinzipien in sich selbst miteinander in Beziehung zu setzen und den Ausgleich zwischen beiden zu verbessern (LIND und LIND S. 130).

Die Geschichte des Stils liegt hinter zahlreichen Legenden verborgen. Heute gibt es viele Thesen, wie der Stil entstanden sein soll, wobei jede Version sehr deutliche Wurzeln in ihren Vertretern selber hat. Die gängigste Version behauptet, der Stil wäre von der mythischen Figur Zhang Sanfeng entwickelt worden. Als Sohn armer Eltern wurde er in das Shaolin-Kloster geschickt, wo er Mönch werden sollte. Schon mit vierzehn Jahren beherrschte er die Kampfkünste, die ihm dort beigebracht wurden. Außerdem hatte er in der Meditation gute Fortschritte gemacht. Mit fünfzehn verließ er das Kloster und ging auf Wanderschaft. So traf er den daoistischen Mönch Huo Long (Feuer-Drache), welcher ihn in daoistischer Meditation unterwies. So begann Zhang Sanfeng, seine inneren Kräfte zu kultivieren. Durch Beobachtung kämpfender Tiere erkannte er, dass jedes Tier seine natürlichen Fähigkeiten im Kampf instinktiv einsetzt. Er begann die Bewegungen der Tiere zu studieren und sie auf den menschlichen Körper zu übertragen, um eine Kampfkunst zu entwerfen. Ferner beobachtete er, dass sich die ganze Welt in Spiralen bewegte, Wolken, Blätter, die im Wind wirbelten ebenso wie das Wasser. Diese Bewegung identifizierte er als universal und so begann er eine Kampfkunst zu entwickeln, die auf diesem universalen Prinzip des andauernden kreisenden Fließens basieren sollte (THELER S. 27ff).

Diese Legende ist so schön wie unhaltbar. Um sie zu verstehen, muss man beachten, dass in China oft mythische Gestalten aufgebaut wurden, um die Lehre einer bestimmten Schule zuzuordnen oder um bestimmte universale Prinzipien begreifbar zu machen. Die Überlieferung dieser Lehren geschah aber meist nicht schriftlich. Auch die Datierung der Lebensdaten von Zhang Sanfeng ist mehr als vage. Sie reicht von 960 bis 1368 (THELER S. 34f).

Die Familie Chen behauptet, dass ein Mitglied der Familie, Chen Wang Ting, den Stil in der Ming-Zeit selber erfand und ihn dann an seine Kinder weitergegeben hat. Ihm ging es um die Schaffung einer Kampfkunst, die sehr hohe heilende und spirituelle Wirkung hat. Er baute dieses System im Wesentlichen auf den heilende Übungen auf, die heutzutage als Qigong (zum Begriff des Qigong siehe Kapitel 3.3.) bekannt sind (SILBERSTORFF 1998). Es könnte auch sein, dass sich der Stil in der Tang-Dynastie entwickelt hat, und sich dann in die vier heute bekannten Hauptrichtungen (s.u.) teilte. Die wahrscheinlichste Theorie ist, dass sich das Taijiquan aus dem Kampfkunststil Chang Quan (Kunst der langen Hand) entwickelt hat. Darauf weisen Übereinstimmungen in einigen Haltungen, Grundprinzipien und Positionen hin. Auch hier weist die Überlieferung auf Chen Wang Ting als Schöpfer des Taijiquan (LIND und LIND S. 131).

Als gesichert gilt, dass das Taijiquan bis zum 19. Jahrhundert nur innerhalb bestimmter Familien und Klöster praktiziert und weitergegeben wurde. Dazu gehörte auf jeden Fall die Familie Chen aus Chen Jia Gou. Dann schlich sich Yang Lu Chan als Diener in die Familie ein und beobachtete die Familie beim Üben. Schließlich wurde er selber beim Üben entdeckt. Da er jedoch schon sehr weit fortgeschritten war, wurde ihm das Lernen des Familienstils erlaubt. Er ging später nach Peking, wo er Taijiquan öffentlich lehrte und den Stil modifizierte. So entstand der Yang-Stil. Wu Quanyou entwickelte aus dem Chen den Wu-Stil, aus diesem entstand dann wiederum der Sun-Stil, der auf Meister Sun Lutang zurückgeht. Diese vier sind die Hauptrichtungen des Taijiquan. In der Volksrepublik China wurde Taijiquan als effektives Mittel zur Gesundheitsvorsorge eingeführt. Im Zuge dieser Entwicklung entstand die sogenannte Peking–Form mit 24 Bewegungsfolgen. Sie wurde von mehreren Meistern zusammengestellt und stellt eine Vereinfachung des Yang-Stils da. Schnelle, explosive Techniken sowie Sprünge wurden entfernt, so dass die Form leichter zu lernen und zu üben ist, auch für alte Menschen oder Menschen mit eingeschränktem Bewegungspotential. Diese Form wurde weltweit verbreitet und ist somit auch außerhalb Chinas die populärste Form des Taijiquan (LIND und LIND S. 131f).