Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Die Idee des Qi

Die Idee des Qi ist ein grundlegendes Konzept der chinesischen Weltanschauung. Leider findet sich im Deutschen kein passender Begriff dafür. Zurzeit wird es zumeist mit dem Begriff der „Energie“ übersetzt, was aber der Bedeutung des Qi in keiner Weise gerecht wird und eher eine Projektion westlicher Vorstellungen auf die chinesische Denkweise darstellt (OTS S. 48).

Der Begriff der Energie ist auch deswegen irreführend, weil er, auf emotionale Vorgänge angewandt, diese auf eine Situation oder Wandlung in einem Energiehaushalt reduziert. Dies entspricht einer dem Begriff nicht gerecht werdenden Intellektualisierung. In der chinesischen Denkweise ist das Qi allgegenwärtig. Es nährt alle Wesen. Wer in der Lage ist, sein Qi zu lenken, der ist auch in der Lage, seine Vitalfunktionen und sein Immunsystem positiv zu beeinflussen. Dieser alles belebende Charakter kann wahrscheinlich auf schamanistische Vorstellungen zurückgeführt werden. Diese Idee kommt auch im Schriftzeichen zum Ausdruck, sein Bedeutungsspektrum reicht von „Dampf“, „Wolke“, „Atem“ bis hin zu „Nahrung“ (OTS S. 46). In diesem Zusammenhang ist auch der Vorgang der „Inneren Alchemie“ zu sehen, wo Wasser über Feuer gebracht und verdampft wird (vgl. Kapitel 3.2.1.). Diese Symbolik stellt den Veredelungsprozess des Qi dar.

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Qi steht in Zusammenhang mit Aktivität. Dabei ist alles gemeint, was wir als Menschen tun, wenn wir leben und was mit dem Tod aufhört. Im Zusammenhang mit Taijiquan ist die Bedeutung von Qi als Lebenskraft entscheidend. Die Bedeutung kann in zwei Richtungen eingeteilt werden. Zuerst ist da der Wirkstoff Qi, die Grundlage von Materie, des Weiteren könne sämtliche Funktionsaktivitäten des Körpers gemeint sein. Wir gewinnen Qi aus der Luft und aus der Nahrung und verwandeln es durch Stoffwechselaktivitäten in die jeweils benötigte Form (Energie oder Wirkstoff). Qi ist also nicht nur Nahrung, sondern auch Grundlage allen Seins und aller Aktivitäten, die sich innerhalb des Seins vollziehen. Was Qi konkret ist, wird heiß diskutiert. Die Theorien reichen von der Annahme, Qi sei eine Sammlung von diversen elektrisch geladenen Teilchen über die Idee, Qi sei ein elektromagnetisches Feld, das durch Konzentration und Gesundheitszustand beeinflusst werden kann, bis hin zu biologischen Definitionen, die Qi von organischer Aktivität und dem Zusammenspiel von Aminosäuren, Hormonen, Enzymen und anderen Wirkstoffen abhängig machen (LIE 1998).

Das Qi kann in verschiedene Kategorien eingeteilt werden, je nach Richtung und/oder Funktion. Für das Taijiquan sind die mit den acht Hexagrammen verknüpften Wandlungsformen von Bedeutung (siehe Anhang 2). Außerdem bestehen Zusammenhänge mit der TCM, diese werden im folgenden Kapitel (3.3.) erläutert. Die Bewegungen des Taijiquan ahmen die Bewegungen des Qi der Natur nach. So lernt der Praktizierende die Kräfte des Himmels und der Erde zu verstehen und im Einklang mit ihnen zu leben, beziehungsweise sie in seinem Leben anzuwenden (THELER S. 34). Qi ist der einende Faktor. Die ständigen Wandlungen im Zusammenspiel von Yin und Yang drücken sich im Qi aus. Dies ist nicht wissenschaftlich erklärbar sondern nur durch unmittelbare Erfahrung zu verstehen. So verstanden ist Qi das Klarste und Einfachste der Welt. Es kann durch Taijiquan bewusst gemacht werden, aber genauso gut durch jede andere konzentriert ausgeübte Tätigkeit. Als Struktur der Wandlung ist es am Besten durch langsame Bewegung erfahrbar, denn diese ermöglicht ein genaues Wahrnehmen der Prozesse, die sich im Moment im Raum abspielen. Die Zeit und der Raum werden in kleinste Bestandteile unterteilt und gewinnen so eine neue Qualität. Qi stellt die Erfahrung unterschiedlichster Qualitäten an verschiedenen, miteinander verknüpften Orten in Zeit und Raum dar (PHILLIPS 2002).