Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Das Prinzip des Wassers

Die gesamte chinesische Kultur beruht auf der Beobachtung der Naturkreisläufe. Das Leben in Harmonie mit diesen Zyklen wurde zum obersten Leitgedanken in jedem Gebiet der Lebensführung. Als grundlegendstes aller Prinzipien galt dabei das des Wassers. Wasser sucht immer den ruhigsten und tiefsten Ort und findet Zugang zu jedem Platz, sei er auch noch so gut verborgen. Ohne eigenen Widerstand füllt es alle Formen und behält dabei seine eigene Struktur trotzdem bei. Außerdem bewegt es sich ständig in Wellen- und Spiralformen. Trifft es auf ein Hindernis, fließt es darum herum. Als Grundlage allen Lebens dient es bedingungslos allen Wesen (THELER S. 8f).

Wer Taijiquan übt, sollte sein wie Wasser. Weich, alle Hindernisse umfließend, dabei immer in kreisenden und spiraligen Bewegungen. Nach einiger Zeit des Übens wird der Praktizierende außen immer entspannter und damit weicher, gleichzeitig entsteht im Innern eine große Spannkraft und Konzentration. Je weicher der Körper wird, umso fester wird der Kern. Man ist äußerlich fügsam und empfänglich, von innen her aber beherrschend und lenkend. Je ruhiger das Wasser wird, umso besser spiegelt es den Himmel. Dies wird im chinesischen als Bild dafür gebraucht, wie das Taijiquan den Übenden spirituell wachsen lässt. Das Wasser steht für die Emotionen und Gedanken, die ruhiger werden, so dass wir in der Lage sind, den Himmel (das lenkende, schöpferische, geistige Prinzip) nach außen zu spiegeln (THELER S. 9).

Am Anfang des Übens sind im Körper noch viele Widerstände vorhanden. Verhärtete Muskeln, blockierte Gelenke und ein Übermaß an Emotionen und Gedanken, Alltagssorgen. Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Wasser in der Lage ist, auf Emotionen und Gedanken zu reagieren, diese zu speichern und weiterzuleiten. Auch die Analogie mit der Spiegelung auf der Wasseroberfläche weist auf die Leitfähigkeit des Wassers hin. Indem der Übende versucht, seine Bewegungen immer mehr dem Prinzip des Wassers anzugleichen, greift er also auf dessen reinigende Fähigkeiten zurück. Dadurch werden auch die Bewegungen weich und fließend, ganz egal, ob die Aktionen hart oder weich, hoch oder tief sind, sie sollten immer eine fließende, organische Einheit bilden (THELER S. 10).

Mit zunehmender Übung sollten die Bewegungen geschmeidig und ruhig werden. Diese Beruhigung erstreckt sich nach längerer Zeit auf den gesamten Organismus. Dieser wird also zum ruhig den Himmel spiegelnden See. Das bedeutet, dass sämtliche Ebenen zusammenfließen, so dass der Zustand des Wuwei (Nicht-Handeln) entsteht, der Zustand des spontanen Seins. Nur eine auf der Grundlage des Nicht-Handelns ausgeführte Bewegung entfaltet ihre volle Wirkung, da sie spontan geschieht und nicht durch den Willen oder bestimmte Blockaden beeinflusst wird. Nicht-Handeln ist ein wichtiger Begriff im Taoismus (THELER S. 13).

Um den Zustand des Nicht-Handelns zu erreichen, ist jahrelanges hartes Üben erforderlich. Dazu müssen die grundlegenden Haltungen und Prinzipien (s. Anhang 1) verinnerlicht werden. Die Bewegung erfolgt dann aus der Intention heraus, von innen nach außen. Die innere Spannkraft in Kombination mit der körperlichen Gelöstheit (der Muskeln und Gelenke) führt zu der Einheit, die schließlich das Nicht-Handeln entstehen lässt (THELER S. 14).

Nach außen hin ist das Wasser empfangend, innerlich ist es voller impulsgebender Spannkraft. In dem chinesischen Orakel- und Weisheitsbuch „I Ging“ wird das Wasser dementsprechend durch zwei schwache Striche außen und einem starken Strich in der Mitte symbolisiert. Das Wasser steht hier für „das Fließen, das Auflösen, das Fallen auf den Grund der Schlucht“ (THELER S. 14). Außerdem steht es für den Winter, den Norden, die Nacht, die Nieren und den Mond. Das Symbol für Feuer ist das Gegenstück des Wassers. Es besteht aus zwei starken Strichen außen und einem schwachen in der Mitte. Es symbolisiert die Sonne und alle anderen Eigenschaften, die die Symbolik des Wassers um den anderen Pol ergänzen. Im Taijiquan erzeugt die Wechselwirkung zwischen Wasser (fließende Bewegungen, Einstellung) und Feuer (innere Sonne im Unterbauch/Dan Tian) eine Art Dampf, der den Organismus aufheizt und eine außerordentliche Klarheit mit sich bringt. Dies ist sinnbildlich zu verstehen.

Zum Abschluss ein Zitat aus den Schriften des Laotse, Kapitel 78 (WILHELM S. 121):

Auf der ganzen Welt

gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser.

und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,

kommt nichts ihm gleich.

Es kann durch nichts verändert werden.

Dass Schwaches das Starke besiegt,

und Weiches das Harte besiegt,

weiß jedermann auf Erden,

aber niemand vermag danach zu handeln.