Taijiquan - die chinesische Kampf- Bewegungskunst als Methode der sozialen Arbeit
Ein Auszug aus dem 3. Kapitel der Diplomarbeit von Jörg Rosenkötter; Fachhochschule Fulda, 2003        
 Die Geschichte des Taijiquan

 Grundlegende Prinzipien
 - Das Prinzip des Wassers
 - Das Prinzip der Spirale
 - Yin und Yang
 Die Idee des Qi
 Taijiquan und Gesundheit
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus schulmedizinischer Sicht
- Auswirkungen des Taijiquan
  aus der Sicht der TCM
 Kurze Beschreibung der
 13 Grundtechniken
 Die Bedeutung der
 Partnerübungen
 Literaturverzeichnis
 Kontakt

Auswirkungen des Taijiquan aus der Sicht der TCM

Um die Auswirkungen des Taijiquan auf Körper und Psyche aus der Sicht der TCM zu verstehen, muss der oben angerissene Begriff des „Qi“ hier noch einmal aufgegriffen und von einer neuen Seite beleuchtet werden. Denn die TCM befasst sich mit den Auswirkungen bestimmter Zustände des Qi auf Körper und Psyche des Individuums, außerdem mit den Wechselwirkungen der unterschiedlichen Qualitäten von Qi miteinander. Das bedeutet, dass die TCM Disharmonien im Fluss des Qi aufspürt und zu beseitigen versucht (OTS S. 47).

Das Qi in unserem Körper wird aus drei Grundlagen synthetisiert: dem Nieren-Jing (Jing ist die Essenz, gleichbedeutend mit Nähr- und Wirkstoffen wie Enzyme und Hormone und Samenzellen und Samenflüssigkeiten), dem Jing der Nahrungsmittel und dem Qing-Qi, dem Qi der Atmung.

Das Nieren-Jing wird von den Eltern ererbt und definiert die Grundvoraussetzungen des Individuums. Es wird durch das Nahrungs-Jing ergänzt. Das Jing wird in den Nieren gespeichert und ist unbedingt erforderlich, um die Funktionsfähigkeit des Organismus zu sichern. Zur Gewinnung und Umwandlung von Jing in die vom jeweiligen Organ benötigte Form ist Qi nötig. Dieses wird teilweise aus dem Jing erzeugt, teilweise auch über die Atmung aufgenommen. Ist genügend Qi im Körper vorhanden, arbeiten unsere Organe ihren Funktionen gemäß. Störungen im Fluss des Qi führen zu Krankheiten. Qigong-Übungen wirken harmonisierend auf den Qi-Haushalt und fördern die Umwandlung von Jing in Qi (LIE 1998).

Eine andere grundsätzliche Form von Qi ist Shen. Shen wird mit Geist, Seele, Intellekt, Bewusstsein, Sinn, Gemüt, Gedanken, Intuition, Imagination und Konzentration gleichgesetzt. Das Shen bestimmt unsere Ausstrahlung und unser Aussehen. Außerdem ist Shen mit dafür verantwortlich, ob unsere Organe funktionsgemäß arbeiten. So werden wir anfälliger für Krankheiten, wenn uns etwas aufs Gemüt schlägt (LIE 1998).

Qigong und Taijiquan leiten den Prozess der „Inneren Alchemie“ ein. Dies beginnt außen, wo die drei Ebenen des Körpers, des Atems und des Geistes in den Bewegungen vereint werden. Die für die Gesundheit und die spirituelle Entwicklung nötigen Prozesse finden jedoch im Innern statt, in der Vereinigung von Jing-Qi, Qi und Shen. Hierzu wird das Jing-Qi im unteren Kreuzbeinbereich aktiviert, zu Qi verwandelt und die Wirbelsäule entlang zum Brustbereich hochgezogen, wo sie zu Shen veredelt wird. Shen steigt weiter nach oben bis ins Gehirn, dort wird es zu Ling-Qi, dem feinsten Produkt im alchemistischen Prozess. Dieses Ling-Qi ist die Qualität, die uns mit dem Urgrund allen Seins verbindet. Hierzu ist nötig, dass der Geist Jing-Qi und Qi kontrollieren kann, auf der anderen Seite muss er mit Qi genährt werden. Während des ganzen Prozesses sind Stille, Stabilität und Konzentration von größter Wichtigkeit. Das Ziel des Prozesses ist Erleuchtung, spirituelles Erwachen. Die wenigsten erreichen dieses Ziel und praktizieren für das, was man auf dem Weg dorthin findet, nämlich Gesundheit, ein langes Leben und geistige Klarheit (REID S. 121ff).

Das Üben von Taijiquan und Qigong verlängert also das Leben und setzt im Körper Prozesses in Gang, die den Menschen wachsen lassen. Erreicht wird dies durch Harmonisierung der körperlichen und geistigen Funktionen mit dem letztendlichen Ziel der Erleuchtung. Nach meiner Erfahrung ist die heutige Tendenz allerdings eher die, Taijiquan aus Spaß am (gemeinsamen) Üben zu praktizieren und die positiven Wirkungen auf die Gesundheit auszukosten. Immer wieder lerne ich auch Menschen kennen, die Taijiquan als eine Art Krankengymnastik praktizieren, da das intensive Üben an den Haltungsprinzipien mit der Zeit eine Änderung von Fehlhaltungen bewirkt. Wie die Praxis zeigt (und wie es aus den ersten Kapiteln dieser Arbeit hervorgeht) wirkt sich diese Haltungsänderung auch positiv auf die psychische Gesundheit aus.